|8 Min. Lesezeit|Yvann Lièvre

Wahlen und Cybersicherheit: Lehren aus 2024–2025

Wahleinmischung durch Midnight Blizzard und APT28, Manipulation sozialer Medien, politische Deepfakes, Schutz der Wahlinfrastruktur. ANSSI und VIGINUM.

ÉlectionsAPT

Die Wahlzyklen 2024–2025 waren die am stärksten ins Visier genommenen in der Geschichte – in Bezug auf Cyberangriffe und Einflussoperationen. US-Präsidentschaftswahl, Europawahlen, nationale Wahlen in Rumänien: Die Auswertungen offenbaren systemische Bedrohungen für Demokratien.

Die Akteure der Einmischung

Midnight Blizzard (ehem. Nobelium/APT29)

Dem SVR (russischer Auslandsgeheimdienst) zugeschrieben, steht Midnight Blizzard hinter dem SolarWinds-Angriff von 2020. 2024 enthüllte Microsoft, dass die Gruppe E-Mail-Konten von Microsoft-Führungskräften selbst kompromittiert hatte und so Zugang zu Kommunikation mit US-Regierungsbehörden erlangte. Ihre Operationen zielen systematisch auf westliche demokratische Prozesse.

APT28 / Fancy Bear

Dem GRU (russischer Militärgeheimdienst) zugeordnet, ist APT28 die Gruppe, die 2016 das US-DNC gehackt hat. In 2024–2025 intensivierte die Gruppe ihre Operationen gegen europäische Institutionen, insbesondere gegen politische Parteien, Denkfabriken und Medien. Die ANSSI dokumentierte Eindringversuche gegen französische Einrichtungen im Zusammenhang mit den Europawahlen.

Manipulation sozialer Medien

Informationelle Einflussoperationen erreichten industrielles Ausmaß:

  • Automatisierte Kontenfarmen: Netzwerke aus Tausenden falscher Konten verstärken spaltende Narrative auf X (ehem. Twitter), Facebook, TikTok und Telegram

  • Koordinierte Kampagnen: Das Doppelganger-Netzwerk (Russland zugeschrieben) erstellte gefälschte Websites, die legitime Medien klonten (Le Monde, Der Spiegel), um Desinformation zu verbreiten

  • Algorithmische Ausnutzung: polarisierende Inhalte werden durch Empfehlungsalgorithmen verstärkt, was einen Multiplikatoreffekt für Einflussoperationen erzeugt

Deepfakes: die neue Grenze

Generative KI hat die Erstellung überzeugender Deepfakes demokratisiert. 2024 wurden Audio-Deepfakes politischer Führungspersönlichkeiten eingesetzt, um in mehreren Wahlkampagnen weltweit falsche Nachrichten zu verbreiten. Die Kosten für die Erstellung eines überzeugenden Deepfakes sanken in zwei Jahren von mehreren Tausend Dollar auf weniger als 50 Dollar, dank Open-Source-Modellen.

Die Deepfake-Erkennung bleibt eine große technische Herausforderung. Aktuelle Erkennungstools weisen bei den neuesten Modellgenerationen erhebliche Fehlerraten auf, was ein Wettrüsten zwischen Erstellern und Erkennern erzeugt.

ANSSI und VIGINUM: die französische Antwort

VIGINUM

Der Service de vigilance et de protection contre les ingérences numériques étrangères (VIGINUM), 2021 gegründet und dem SGDSN unterstellt, ist für die Erkennung und Charakterisierung ausländischer digitaler Einmischungsoperationen zuständig. VIGINUM überwacht Online-Plattformen, um Kampagnen zur Informationsmanipulation zu identifizieren, die auf Frankreich abzielen.

ANSSI

Die ANSSI kümmert sich um den Aspekt der technischen Cybersicherheit bei Wahlen: Absicherung der IT-Systeme politischer Parteien, Audit von Wahlplattformen, Schutz der Infrastruktur zur Ergebnisverbreitung. Bei den Europawahlen 2024 bot die ANSSI politischen Parteien und Kandidaten Cybersicherheitsunterstützung an.

Schutz der Wahlinfrastruktur

Wahlsysteme sind kritische Infrastrukturen, die eine verstärkte Sicherheit erfordern:

  • Wahlsysteme: In Frankreich bleibt die Papierwahl die Regel, was das Risiko direkter Manipulation begrenzt. Elektronisches Wählen für Auslandsfranzosen unterliegt strengen Sicherheitsaudits

  • Ergebnissysteme: Ergebnisübermittlung und -aggregation sind potenzielle Ziele (DDoS, Datenmanipulation)

  • Wählerverzeichnisse: Wählerdatenbanken sind Ziele für Datendiebstahl und gezielte Desinformation

Lehren für Organisationen

Wahleinmischungstechniken sind direkt auf die Geschäftswelt übertragbar:

  • Gezieltes Spear-Phishing: Dieselben APT28-Techniken zielen auf Unternehmensführungskräfte. Ein CTI-Monitoring hilft bei der Erkennung laufender Kampagnen

  • Deepfakes von Führungskräften: CEO-Betrug durch Audio-/Video-Deepfakes ist dokumentiert. Sensibilisierung und Verifizierungsverfahren sind unerlässlich

  • Desinformation: Reputationsangriffe durch Erstellung falscher Inhalte betreffen auch Unternehmen

  • Kontinuierliche Überwachung: ThreatClaws Audit-Tools und Monitoring erkennen Phishing-Kampagnen und Kontenkompromittierungen in Echtzeit

FAQ

Ist elektronisches Wählen sicher?

Der Expertenkonsens in der Cybersicherheit bleibt vorsichtig. Papierwahl bietet Garantien für Transparenz und Überprüfbarkeit, die elektronisches Wählen derzeit nicht erreichen kann. Frankreich behält die Papierwahl für nationale Wahlen bei, mit Ausnahme von Auslandsfranzosen, denen elektronisches Wählen unter strengen Auditbedingungen angeboten wird.

Wie erkennt man einen Deepfake?

Mehrere technische Indikatoren: Inkonsistenzen in den Lippenbewegungen, visuelle Artefakte um das Gesicht, Dateimetadaten, fehlende verifizierbare Quelle. Erkennungstools existieren (Microsoft Video Authenticator, Sensity), aber ihre Zuverlässigkeit bleibt gegen die neuesten Generationen begrenzt. Die beste Verteidigung bleibt die Quellenverifikation.

Kann mein Unternehmen von diesen APT-Gruppen ins Visier genommen werden?

Wenn Ihr Unternehmen in einem strategischen Sektor tätig ist (Verteidigung, Energie, Technologie, Medien, Finanzen) oder mit Regierungen zusammenarbeitet, ja. APT28 und Midnight Blizzard nehmen auch den Privatsektor für Wirtschaftsspionage ins Visier. Ein angemessenes Monitoring ist unverzichtbar.

Was genau macht VIGINUM?

VIGINUM erkennt und charakterisiert Informationsmanipulationsoperationen, an denen ausländische Akteure beteiligt sind und die auf die französische öffentliche Debatte abzielen. Der Dienst überwacht nicht französische Bürger, sondern koordiniertes inauthentisches Verhalten auf Online-Plattformen (gefälschte Konten, Bot-Netzwerke, organisierte Desinformationskampagnen).

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